5

 

 

Nicht einmal mir verriet Tilda, welches ihr wahrer Namen war. Tilda war ihr Bühnenname, der Name, unter dem sie bekannt wurde. Welche persönliche Tragödie die Ursache ihres Dahinwelkens, wie ich es nennen möchte, in einer entlegenen Hafenkolonie war, wollte sie mir auch nicht sagen. Vermutlich hatte es mit ihrem Mann zu tun, über den sie mir nur sagte, daß er sie gegen den Wunsch seiner Familie geheiratet hatte. Als Soldat war er dann nach Pa Mejab geschickt worden und hatte eines Tages im Kampf den Tod gefunden.

Sie war überaus stolz auf den Jungen, der ein hitziger, aber wirklich netter junger Bursche war. Sie war seinetwegen laufend in Sorge, tadelte ihn unentwegt, daß er nicht warm genug angezogen sei, nicht genug esse oder zuviel mit den anderen Kindern raufe. Doch trotz allem wußte sie, daß Pando der Sohn eines Soldaten war, daß er sich eines Tages zum Mann entwickeln mußte.

Ich muß zugeben, daß mir die beiden mit jedem Tag besser gefielen. In meinem Zimmer im Roten Leem fand ich ständig eine Vase mit frischen Blumen, und die Laken und Schlafpelze wurden mit zufriedenstellender Regelmäßigkeit gewechselt. Nath erholte sich von dem Schlag auf den Kopf und senkte meine Miete, als ich meinen Wachtdienst antrat, mit dem ich mein täglich Brot verdiente. Er wußte sehr wohl um die Anziehungskraft Tildas. Abends sang und tanzte sie vor seinen Gästen und rezitierte aus kregischen Dramen, Tragödien und Komödien – womit sie ihr Publikum oft zu Tränen rührte. Pando und ich pflegten uns ihre Vorstellungen zusammen anzuhören.

Der neunjährige Knabe hegte eine geradezu fanatische Bewunderung für seine Mutter. Tilda war, wie schon erwähnt, eine Schönheit – mit ihrer weißen Haut und dem schwarzen Haar, mit ihrer guten Figur brauchte sie keine künstlichen Hilfsmittel, um das Blut der Männer in Wallung zu bringen. Ihre violetten Augen und ihr voller Mund konnten vor Leidenschaft vergehen, konnten aber auch streng und herablassend sein, konnten die Hoffnungen jedes Mannes zunichtemachen, konnten ihn in Leidenschaft und bis zur Raserei treiben – und all dies auf der einzigen Bühne am Ende des Schankraums.

Pando ist ein beliebter Kindername in Pandahem, dem großen Inselreich, das im Wettbewerb mit Vallia steht. Am zweiten Tag meines Dienstes als Karawanenwächter wurde Pando von einem Calsanyfahrer als blinder Passagier entdeckt.

Der Aufseher, ein stämmiger Mann mit einem Kummerbund, das die Folgen zahlreicher Abende im Roten Leem einfaßte – und vermutlich auch die Zechtouren in anderen Schänken und Tavernen Pa Mejabs – zerrte Pando an einem Ohr herbei und führte ihn zu mir.

»Dray!« brüllte der Aufseher, Naghan der Bauch genannt. »Dray Prescot! Schau mal, was hier mit den Läusen aus dem Pelz der Calsanys gefallen ist!«

Ich seufzte und starrte Pando mit gespielter Verzweiflung an.

»Wir haben keinen Platz für Passagiere, Naghan. Deshalb muß er sofort getötet oder allein zurückgeschickt werden ... oder ...?« Ich blickte Naghan den Bauch von der Seite an.

Er überlegte. »Wäre wohl das beste, wenn wir ihn gleich umbringen, denn er käme nie nach Pa Mejab durch – bei all den Leems und Wlachoffs, die ihm das Fleisch von den Knochen reißen und ihn verspeisen würden, bis kein Brocken mehr übrig ist.«

Pando, der sich unruhig im Griff der kräftigen braunen Hand bewegte, rollte erschrocken die Augen.

»Das würdest du mir doch nicht antun, Dray! Was würde Mutter sagen?«

»Ah!« sagte Naghan der Bauch, der offenbar großen Spaß an der Szene hatte. »Die arme Tilda! Tilda mit den vielen Schleiern! Wie sehr sie um ihr kleines Sicce-Lamm trauern wird!«

»Dray!« brüllte Pando.

Ich fuhr mir mit der Hand durch den Bart. »Andererseits«, sagte ich zu Naghan, »ist Pando mit seinem Dolch losgestürzt, um Tilda die Schöne zu schützen, als sie die Leemjäger vergewaltigen wollten. Wenn er so etwas tut, würde er dann nicht auch einen Leem angreifen?«

Naghan zupfte an seinem Ohr. »Hast du einen Dolch, Junge?«

Pando war nun ernsthaft böse. Er versuchte Naghan zu treten. »Wenn ich einen Dolch hätte, o Mann mit dem Bauch, hätte ich dich längst damit in deinen Wanst gestochen!«

»Oho!« rief Naghan lachend.

Und auch ich lachte – ja, wirklich, ich lachte! –, denn natürlich konnten wir Pando nicht in der gefährlichen Öde aussetzen – wir mußten ihn mitnehmen. Er war ein kluger Junge, voller Schabernack und Streiche, doch zugleich von angenehmem Wesen und schneller Auffassungsgabe – Eigenschaften, die ihm auf Kregen zum Vorteil gereichen würden, wo ein Mann ein Mann sein muß, wenn er überleben will.

Sein größter Fehler war die offenbar angeborene Unordentlichkeit. Was immer er berührte – es war hinterher nicht mehr zu finden, und sein winziges Zimmer im Roten Leem war ein einziges Chaos.

Die Karawane, eine lange Kette Calsanys, die Schwanz-an-Kopf stumpfsinnig dahinwanderten, gefolgt von einer Gruppe von Packeseln, die man von den Calsanys fernhielt, war unterwegs nach Pa Weinob im Nordwesten. Pa Weinob war eine Vorpostenstadt, ein Teil des Einflußbereichs, den die Männer aus Pandahem im Hinterland der Ostküste auszuweiten suchten. Der Expansionsdrang stieß jedoch auf eine klare Grenze, dieselbe Grenze, die auch anderen Völkern Einhalt gebot, die nach Westen vorstoßen wollten. Die Klackadrin mit den unheimlichen Halluzinationen und den Phokaym wartete dort auf jeden, der sich zu weit vorwagte.

Ich habe bisher noch nicht davon gesprochen, wie sehr es mich betrübte, in einer Hafenstadt Pandahems zu sein, während ich doch am liebsten Port Tavetus oder Ventrusa Thole aufgesucht hätte, die beide zu Vallia gehörten. Die Schwierigkeit, eine Schiffspassage nach Vallia zu finden, war durch meinen Aufenthalt in einer Hafenstadt erhöht worden, die in ernster Auseinandersetzung mit Vallia lag. Hier Vallia zu erwähnen, war fast so selbstmörderisch, als wollte man in Magdag von Sanurkazz sprechen – oder umgekehrt. Ein kleiner Hoffnungsschimmer lag in meiner Beobachtung, daß zwischen Pandahem und Vallia weniger eine abgrundtiefe Feindschaft herrschte, sondern eher ein widerwilliger Respekt und die Entschlossenheit, den anderen kommerziell zu übertrumpfen. Von einem bodenlosen Haß, wie er am Binnenmeer zwischen Rot und Grün herrschte, war hier nichts zu spüren.

Naghan der Bauch hielt Pando im Trab und beschäftigte ihn in der Karawane, und der Junge lernte sehr schnell, sich von den Calsanys fernzuhalten, wenn sie Angst bekamen. Naghan selbst ritt einen Zorca – ein schönes Exemplar dieser anmutigen Reittiere. Es war lange her, daß ich einen Zorca gesehen hatte. In den Ländern rings um das Auge der Welt ritt man Sectrixes, und in den Unwirtlichen Gebieten waren die Nactrixes weit verbreitet.

Meinen geringen Lohn – schwere pandahemische Silberstücke, die Dhems genannt wurden, und matte und verkratzte Kupfermünzen, Obs genannt, die ein Achtzigstel Dhem wert waren, sparte ich für Ernährung und Unterkunft und insbesondere für den Erwerb eines Zorca. Bitte bedenken Sie, daß Pa Mejab und Umgegend zivilisiert war – jedenfalls so zivilisiert, wie in dieser Lage zu erwarten. Ich konnte nicht einfach den Erstbesten niederschlagen und ihm Waffen und Ausrüstung, Reittier und Bargeld abnehmen, wie ich es manchmal in wilderen Zeiten getan hatte. Ich mußte mir alles verdienen, ebenso meine Passage nach Vallia. Ich habe seither verschiedentlich über den Umstand gelacht, daß der große und mächtige Dray Prescot, Krozair von Zy, Lord von Strombor, in dieser Lage war; aber sie machte mir keine Schande. Hier war bisher nichts geschehen, was mir eine Gelegenheit des Fortkommens bot, und das muß ich weitgehend meiner Schwäche zuschreiben, die mich als Folge meiner Abenteuer befiel. Sie wissen, daß ich nach meinem Bade im Taufbecken des Zelph-Flusses ein tausendjähriges Leben zu erwarten hatte und daß ich nie krank wurde und meine Wunden schnell heilten. Mein Schwächezustand vermittelt also einen Eindruck von den Strapazen, die ich beim Durchqueren der Klackadrin zu erdulden hatte.

Hier befand ich mich nun wieder im Einflußbereich von Männern und Institutionen, mit denen ich gleich zu Anfang auf Segesthes zu tun gehabt hatte. Zwischen der Ostküste Turismonds, wo ich mich befand, und der Westküste Segesthes' lagen die Nordspitze Lohs, das geheimnisvolle Bergland Erthyrdrin, und Vallia – und ich war wieder unter Männern, die mit Rapier und Dolchen kämpften, die Großschiffe und Zorcas und Voves kannten. Ruderer und Sectrixes und die Krozairs von Zy – auch wenn diesem Orden meine ganze Loyalität gehörte – lagen hinter mir. Das gleiche galt für die Impiter und Corths, die mich ohnehin nicht über das große Meer nach Vallia tragen konnten.

Als ich mich erkundigte, ob die Pandahemer Flugboote besaßen – Fluggeräte, die im fernen Havilfar hergestellt und von den Vallianern eingesetzt wurden, antwortete man mir mit einem Fluch und einem Achselzucken. Offenbar verkauften die Havilfarer ihre Flugboote nicht nach Pandahem. Ebenso klar war mir, daß dieser Boykott hier nicht gern gesehen wurde.

Eine dünne Stimme begann fröhlich das Lied von den »Bogenschützen aus Loh« zu singen, und ich kehrte in die Gegenwart zurück. Pando hatte das Lied angestimmt, das mich sofort an Seg Segutorio denken ließ.

Obolya, ein ungewöhnlich großer und stämmiger Mann, der überall am Körper mit schwarzem Haar bedeckt war, versetzte Pando eine Kopfnuß. »Quake woanders, du elende Kröte! Kleiner Rast! Dein Gekreische geht mir auf die Nerven!«

Obolya war ein Wächter, der durch seinen Beruf zum seelischen Krüppel geworden war – Gefühle kannte er nicht. Er besaß einen Preysany, eine Art besseren Calsany, ein Reittier, das von Leuten benutzt wurde, deren Mittel nicht zum Erwerb eines Zorca ausreichten. Er hielt sich für unentbehrlich bei der Karawane, und Naghan behandelte ihn nicht ohne Respekt.

Obolya, dessen Name darauf hinwies, daß er der Erstgeborene seiner Eltern war, hatte mir eine Handbreit Körpergröße voraus. Die anderen Karawanenwächter drängten herbei, um dem Spaß mit dem Jungen zuzusehen. Die Karawanenarbeit war langweilig, so daß jede Abwechslung begrüßt wurde. Und Obolya war bekannt; solange sich ihm nicht jeder neue Wächter unterworfen hatte, war er ständig auf eine Auseinandersetzung aus, die der arme Naghan nicht verhindern konnte – zu sehr schätzte er Obolyas Kampfkraft für die Karawane als ganzes.

Pando wich der instinktiven Reaktion des nächsten Calsany aus und eilte zu mir.

»Ruh dich einen Augenblick aus, Pando«, sagte ich, »während ich mit diesem schlaffen Armipand rede.«

Armipand war einer der Teufel, an die viele Pandahemer glaubten.

»Cramph!« brüllte Obolya. »Du hast ein Maul, das größer ist als das Cyphrische Meer! Ich muß es füllen – mit meinen Fäusten!«

»Pandrite möge dir beistehen, Dray Prescot!« sagte Pando ehrfürchtig. Er kannte mich jetzt lange genug, um zu wissen, daß ich eine Beleidigung nicht auf mir sitzen ließ; doch zugleich kannte er mich nur als schwachen und kranken Mann, der sich glücklich schätzen konnte, von Aufseher Nagan eingestellt worden zu sein, weil sich Tilda mit den vielen Schleiern für ihn eingesetzt hatte. Pando hielt den Atem an, und seine Augen wurden groß und rund.

»Krieche doch in den Bauch des Calsany zurück, wohin du gehörst!« sagte ich zu Obolya.

Daraufhin begann er zu stottern. Die schwarzen Borsten auf seinen Wangen und an seinem Kinn zitterten. Er deutete auf mich, legte den Kopf in den Nacken und brüllte seine Verachtung hinaus.

»Du cramphgezeugter Rast! Du, der du den Ausschuß eines Schmieds auf dem Rücken trägst!«

Damit meinte er mein Krozair-Langschwert. In dieser Gegend, wo man Rapiere und Dolche vorzog, trug ich das Langschwert auf dem Rücken – natürlich in der Scheide, die mir Sosie gemacht hatte, und mitsamt dem Köcher, den ich schon beschrieben habe. Die Waffe war in mancher Hinsicht fehl am Platze. Die Wächter trugen kurze Stoßspeere mit breiten Klingen für den Kampf auf größere Entfernung, bis die Rapiere ins Spiel gebracht werden konnten. Dazu kam es aber erst, wenn die Bögen ihren ersten Tribut gefordert hatten – und Naghan hatte mich in erster Linie als Bogenschützen eingestellt.

Er hatte zu mir gesagt: »Du trägst deinen gespannten Bogen in der Hand, den Pfeil auf der Sehne, Dray Prescot. So bewachst du meine Karawane. Dafür bezahle ich dich.«

Nun ließ sich Obolya über meine seltsame Waffe aus. Wie lange er sich mit diesen Beleidigungen aufhalten wollte, ehe er zur Tat schritt, wußte ich nicht. Ich war fast wieder voll bei Kräften; die frische Luft und das Sonnenlicht und die langen Märsche hatten meine Erholung gefördert. Doch wie immer versuchte ich einem überflüssigen Kampf und einer gefährlichen Feindschaft aus dem Weg zu gehen – so wenig mir sinnloses Autoritätsgebaren gefällt. Stolz und Hitzköpfigkeit sind eben üblich bei Typen, die nicht nachdenken; mein Kummer ist es, daß ich immer zuerst nachdenke – und dann oft genug trotzdem durchdrehe.

Obolya trug einen bronzenen Brustpanzer von ziemlich guter Qualität; doch darunter hatte er nur eine Ledertunika angelegt. Arme und Beine waren ebenfalls durch Leder geschützt, und auf dem Kopf trug er eine Lederkappe, die mit Eisen verstärkt war. Für einen Söldner war er nicht schlecht gepanzert; meine Klansleute hätten über seine Aufmachung natürlich nur gelacht, ebenso wie die schwer gepanzerten Kämpfer des Binnenmeeres. Ich trug nur meinen roten Lendenschurz. Mein Schlafzeug lag bei Pandos Sachen auf dem Rücken eines Packesels.

»Du beleidigst mich, Obolya. Aber da ich dich nicht deiner letzten Zähne berauben möchte, so schwarz und übelriechend sie auch sind, werde ich nicht gegen dich kämpfen.«

Die Zuschauer begannen zu grölen. Naghan der Bauch rannte schwitzend herbei und versuchte brüllend, uns wieder an die Arbeit zu treiben. Aber Obolya widersetzte sich, und Naghan erkannte, woher der Wind wehte; er zog sich hastig zurück und schwitzte noch mehr, weil er nun die Sicherheit der Karawane gefährdet sah, für die er verantwortlich war. Wieder begannen die Zuschauer zu brüllen, als Obolya seinen Speer hinwarf und sich zusammenkauerte. Er ließ eine lange Reihe von übelsten Makki-Grodno-Flüchen vom Stapel. Dann näherte er sich, um mir, wie er wollüstig verkündete, den Kopf abzureißen und ihn mir zwischen die Arschbacken zu stecken.

Er würde mich nicht umbringen, was er umgekehrt auch nicht von mir annahm. Bei unserem Kampf ging es einzig und allein um unsere Position in der Hierarchie der Karawanenwächter.

Ich reichte Pando den Langbogen. »Halt ihn über dem Boden, Pando. Der Bogen ist wertvoller als dieser Kleesh.«

Ein Kleesh ist ein übelriechendes, widerwärtiges Tier – und der Name führte dazu, daß Obolya schnurstracks zum Angriff überging. Sein Wutgebrüll entsprach dem eines Leem in einer Fallgrube.

Er stürmte los.

Er versuchte mich gegen seinen Brustpanzer zu drücken und mich in dieser Stellung zurückzubeugen, bis ich um Gnade flehte. Ich trat zur Seite und wollte ihm die Faust gegen das Kinn knallen – aber Obolya war nicht mehr da. Er war überraschend schnell. Er traf mich höher an der Brust, als er beabsichtigt hatte, denn ich hatte mich geduckt. Und das war mein Glück, denn ein Schlag seiner kräftigen Arme hätte mir den Atem geraubt.

»Dray!« brüllte Pando erregt.

Ich verzichtete darauf, mir die Brust zu reiben, wo sich der Schmerz ausbreitete, drehte mich herum, fing seinen Schlag mit erhobenem Unterarm ab und hieb Obolya mit aller Kraft ins Gesicht. Er sank auf ein Knie. Ich versetzte ihm einen Handkantenschlag in den Nacken, so daß er reglos ins Gras sank.

Einer der Zuschauer schrie auf. Ein anderer fluchte im Namen Armipands. Ein dritter lachte.

In Wahrheit war mir die kleine Übung gerade recht gekommen, und ich bedauerte schon, daß ich Obolya so schnell ausgeschaltet hatte. Eine kleine Schlägerei wäre mir gerade willkommen gewesen, denn es dauerte ungewöhnlich lange, bis ich meine alte Form zurückgewann. Die Phokaym und die Klackadrin hatten mehr an mir gezehrt, als ich angenommen hatte.

Pando bückte sich und nahm einen gelben Gegenstand aus dem Gras. Er hielt mir das Gebilde vorsichtig hin.

»Dies ist dir aus dem Lendenschurz gefallen, Dray.«

Ich nahm das Ding. Es war ein fünfzehn Zentimeter langer Zahn, den ich mir zur Erinnerung aus dem Kiefer eines Phokaym gebrochen hatte. Ich wollte die Spitze schon wieder einstecken, als ich Pandos neugierigen Blick bemerkte.

»Was ist das, Dray? Sieht aus wie ein ... ein Risslacazahn.«

Wenn ich ihm verriet, woher der Zahn kam, würde er mir nicht glauben. Niemand, der mich nicht kannte, hätte mir geglaubt.

»Es ist wirklich ein Risslacazahn, Pando. Hier.« Ich gab ihm den Zahn. »Behalte ihn als Erinnerung an diesen Kampf. Jungen sammeln doch alles – ich möchte wetten, daß deine Freunde so etwas nicht besitzen.«

Pando griff eifrig danach. Doch als er den Zahn in der Hand herumdrehte, sagte er: »Der junge Enky hat einen Risslacazahn, der fast so groß ist. Und Wil hat eine Klaue, die sein Vater angeblich einem Risslaca abgeschnitten hat.«

Pando plapperte unentwegt über den Kampf. Ich nahm meinen Bogen zur Hand, legte einen Pfeil auf und ging wieder auf meinen Posten. Einige Wächter, die schon Obolyas Fäuste zu schmecken bekommen hatten, halfen ihm auf. Ich sah, daß er verwirrt den Kopf schüttelte und dann schwerfällig auf die Beine kam. Die Karawane hatte während des Zwischenfalls nicht haltgemacht; wir waren schon im Einflußgebiet von Pa Weinob.

Ich sagte: »Laß nur deine Mutter nicht hören, wenn du ›Die Bogenschützen von Loh‹ singst«, sagte ich zu Pando. »Du bist immerhin erst neun Jahre alt.«

Als ich seinen tadelnden Blick sah, fuhr ich fort: »Ich selbst finde das Lied großartig, und vor mir darfst du es auch singen, wann du willst.«

Ein Ruf von der Spitze der Karawane, dem eine Reihe schriller Schreie folgte, zeugte von neuem Ärger. Ich lief an der Reihe der Calsanys entlang nach vorn, doch als ich den ersten Wagen erreichte, war das Problem bereits gelöst. Der Zhantil war von den breiten Speeren der Vorauswächter bereits getötet worden. Das tote Tier war mittelgroß und etwa so lang wie ein Leem. Das Fell wies herrliche braunrote Tigerstreifen auf; aus der dichten goldenen Mähne sickerte Blut und beschmutzte die strahlende Schönheit des Fells. Mir tat es um das Tier leid, und ich wußte, daß viele Angehörige der Karawane ähnlich dachten. Wenn wir uns auch der Zhantils erwehren mußten, sobald sie uns angriffen, empfanden wir doch nicht den Abscheu vor ihnen wie etwa vor den Leems.

Schweratmend näherte sich Naghan der Bauch und begann die Wächter auszuschimpfen.

»Dummköpfe! Idioten! Seht euch das herrliche Fell an! Aie – das hätte uns viele Dhems bringen können, wenn ihr es nicht so durchlöchert hättet!«

Ein Bogenschütze, Encar der Dunkle genannt, fluchte und rief: »Wir haben das Biest getötet, Naghan, weil es uns töten wollte!«

»Naja«, sagte Naghan und wischte sich über Stirn und den Hals. »Ihr hättet ein wenig geschickter sein und den Pelz schonen können.«

Pando und ich sahen uns an, und der Junge begann laut zu lachen. Einige Wächter fielen in unser Gelächter ein.

»Naghan«, sagte ich, »gibst du uns ein Stück von dem Fell, damit sich Pando eine schöne neue Tunika machen kann? Denk daran, er ist der Sohn Tildas der Schönen.«

»Eine Tunika für Pando? Aus Zhantilfell? Ho, ho – ich glaube, das würde Tilda mit den vielen Schleiern gefallen. Aie! Sie würde eine ganze Amphore mit bestem Jholaix-Wein für ein solches Kleidungsstück spendieren!«

Jholaix, das wußte ich, lag im äußersten Nordosten Pandahems; der Inselkontinent war in mehrere pandahemische Nationen zerspalten. Wein aus Jholaix war selten, teuer, sehr stark und angenehm auf der Zunge.

»Du alter Gauner!« sagte ich zu Naghan.

Doch der Aufseher stieg auf seinen Zorca, rülpste und blinzelte mir zu, woraufhin ich nickte und sagte: »Einverstanden.«

Pando und ich enthäuteten den Zhantil, soweit es nötig war. Wir hatten schließlich genug, um dem Jungen eine Tunika und einen schönen Gürtel zu schneidern. Ich wußte, daß ich die Amphore mit Jholaix-Wein würde bezahlen müssen, was ich gern tat – auch wenn ich damit den Augenblick meiner Abreise nach Vallia weiter verzögerte. Aber ein Blick auf das strahlende junge Gesicht Pandos und in seine entzückten Augen verriet mir, daß meine Delia aus den Blauen Bergen mich verstehen würde.

Naghans Diener, ein einäugiger glatzköpfiger Mann aus der Gon-Rasse, blieb bei uns, um den Rest des Fells und die Mähne mitzunehmen, die nach pandahemischem Gesetz Naghan gehörten. Als wir die Arbeit beendet hatten, war die Karawane schon ziemlich weit von uns entfernt, und ich trieb Pando zur Eile an. Das zusammengerollte blutige Fell warf ich mir über die Schulter.

Der plötzliche Hilfeschrei ließ mich herumfahren und den Pelz zu Boden werfen. Augenblicklich hob ich meinen Bogen.

Aber es bestand keine Veranlassung zum sofortigen Eingreifen.

Der Mann, der aus einer Gruppe Missalbäume auf uns zukroch, war verletzt, und seine Axt schimmerte blutig. Er versuchte sich aufzurichten und auf uns zuzulaufen, doch dann brach er wieder zusammen. Sein Körper zuckte und rührte sich nicht mehr.

»Dray!« brüllte Pando.

»Nimm das Fell, Pando! Schnell zur Karawane zurück – beeil dich!« Dann wandte ich mich an den Gon: »Und du läufst auch! Warne Naghan – die Karawane wird angegriffen!«

Denn hinter dem Mann, der in seinem Blut zusammengebrochen war, sah ich die wölfischen Umrisse von Halbwesen, die sich auf Preysanys der Karawane näherten – ihre schmalen Gestalten waren hinter den Missals kaum zu erkennen. Ihre Waffen blitzten im Licht der Zwillingssonne. Die Räuber mußten den Wagenzug in wenigen Sekunden erreicht haben.

Ich schoß auf den ersten Reiter, warf mir den Bogen über die Schulter, eilte zu dem Gefallenen und stemmte ihn mir auf den Rücken. Er war unglaublich groß und dünn. Als ich ihn hochhob, gingen seine Augen auf, und er keuchte. Seine rechte Hand entspannte sich nicht, sie umklammerte den Schaft der Axt.

»Banditen!« Er brachte das Wort gepreßt heraus, und ich erkannte, daß er seine letzten Kräfte verausgabt hatte, um die Karawane zu warnen. »Banditen!«

»Beruhige dich, Dom«, sagte ich.

Dann rannte ich zur Karawane zurück, wo bereits ein erbitterter Kampf tobte.

Dray Prescot 04-Die Armada von Scorpio
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